Eigentlich sollte es nur ein kleiner Onlinekurs sein.
Irgendwann im Jahr 2023 entdeckte ich über den Newsletter der Sommelier Union einen Hinweis auf eine Weiterbildung rund um die Champagne. Damals kostete der Kurs 45 Euro. Online. Überschaubar. Interessant genug, um ihn spontan zu buchen. Mehr war zunächst gar nicht geplant.
Dann kam die Saison. Veranstaltungen, Weinwanderungen, Gäste, Planungen – und wie das manchmal so ist, verschwand dieser Kurs irgendwo zwischen geöffneten Weinflaschen, Kalendernotizen und Alltag. Ich kümmerte mich nicht weiter darum.
In derselben Zeit begann meine Weiterbildung zum Weinakademiker. Wer diesen Weg kennt, weiß, dass man dabei nicht einfach ein bisschen Weinwissen sammelt. Es geht tief hinein in Weinbau, Kellertechnik, Märkte, Stilistiken und Verkostungen. Vor allem Modul 3 hatte es in sich. Lernen, wiederholen, noch einmal neu denken. Und trotzdem gab es irgendwann den Punkt, an dem die Theorieprüfung wiederholt werden musste.
Dann kam Modul 4 mit den Themen Schaumwein, Fortifieds (das sind die aufgespritteten Weine) und Spirituosen. Genau in dieser Phase erinnerte ich mich plötzlich wieder an diesen alten Champagne-Kurs. „Da war doch noch etwas …“
Der Zufall wollte es, dass Vera und ich gerade Urlaub in der Bretagne machten. Das Wetter war nicht jeden Tag ideal, und so setzte ich mich eines morgens in unserer Ferienwohnung in Sarzeau an den Rechner und suchte den Kurs wieder heraus. Tatsächlich existierte er noch – allerdings inzwischen in völlig neuer Form. Aus dem kleinen Onlinekurs war ein professionell aufgebautes, mehrstufiges System geworden.
Heute ist der Einstieg sogar kostenlos möglich. Die höheren Niveaus mit Präsenzseminaren und Abschlussprüfungen bewegen sich allerdings fachlich und finanziell in einer ganz anderen Welt als diese damaligen 45 Euro. Doch genau das machte die Sache spannend.
Ich begann erneut. Ohne großen Plan. Eigentlich nur, um mein Wissen über Schaumweine für die Weinakademiker-Prüfung zu vertiefen.
Die erste Stufe absolvierte ich noch dort in der Bretagne und bestand sie mit 93 Prozent. Und genau in diesen Tagen entstand plötzlich eine Idee.
Die Rückfahrt von der Bretagne – wir hatten inzwischen unserer Standort innerhalb dieser reizvollen französischen Region geändert und waren an die rosa Granitküste nach Lannion gewechselt – bis ins Ahrtal ist auch von dort lang. Sehr lang. Also sagten wir irgendwann ganz spontan: Warum eigentlich nicht unterwegs noch ein paar Tage in der Champagne bleiben? Nicht einfach nur durchfahren. Nicht nur schnell ein Foto machen und weiter. Sondern wirklich dort sein.
Und genau das machten wir. Aus einer Rückreise wurde plötzlich eine kleine Entdeckungsreise. Neben dem An- und dem Abreisetag blieben wir vier volle Tage Anfang November in der Champagne.
Vier Tage voller Eindrücke, Gespräche und Begegnungen. Wir besuchten kleine und große Häuser, Familienbetriebe, Bio-Winzer und berühmte Namen wie Moët & Chandon oder Nicolas Feuillatte. Wir standen in tiefen Kreidekellern, sahen Fässer, Tanks und jahrhundertealte Gewölbe. Vor allem aber begegneten wir Menschen, die ihr Leben diesem Wein widmen. Wir haben ältere Weinbauern beim Rebschnitt erlebt; das ist anstrengende Arbeit. Sie sitzen auf selbstgebauten fahrbaren Hockern um einigermaßen bequem an die tief-wachsenden Rebstöcke zu gelangen.
Jetzt plötzlich bekam alles ein Gesicht. Schwere körperliche Arbeit und teilweise hochmoderne Champagne-Kellereien. Die Unterschiede zwischen den Häusern. Die Philosophien der Winzer. Die Bedeutung der Böden. Die Präzision der Arbeit. Dinge, die man theoretisch lernen kann, wurden auf einmal greifbar.
Besonders beeindruckt hat mich dabei etwas ganz anderes: die Realität hinter dem berühmten Namen Champagne. Von außen wirkt Champagner oft wie die reine Luxuswelt. Große Etiketten, berühmte Marken, hohe Preise, Prestige und Glamour. Natürlich gibt es in Épernay die prachtvolle Avenue de Champagne mit ihren beeindruckenden Häusern und Fassaden. Doch sobald man diese wenigen repräsentativen Straßen verlässt, sieht vieles plötzlich ganz anders aus.
Einfach.
Still.
Teilweise fast ärmlich.
Und genau das hat mich tief berührt.
Denn die Champagne ist keine künstliche Luxuswelt. Sie ist harte Arbeit in einem schwierigen Grenzklima. Frost, Hagel, Regen, steigende Kosten und die Veränderungen des Klimas setzen den Menschen dort spürbar zu. Hinter jeder Flasche stehen Familien, Entscheidungen, Risiken und oft auch Existenzsorgen. Vielleicht bekam Champagne gerade deshalb für mich eine völlig neue Bedeutung. Nicht wegen des Luxus. Sondern wegen der Menschen dahinter.
Diese Reise war letztlich der eigentliche Auslöser dafür, den Weg weiterzugehen. Aus dem kleinen Kurs wurde plötzlich mehr. Es folgten die nächsten Stufen, weitere Prüfungen und schließlich die Anmeldung zur Abschlussprüfung.
Am 30. und 31. März fuhr ich zur Deutschen Wein- und Sommelierschule nach Koblenz. Niemand wusste wirklich, worum es ging. Nicht Freunde. Nicht Kollegen. Nicht einmal Vera. Offiziell sagte ich nur: „Ich muss nochmal zur IHK.“ Niemand in meinem Umfeld ahnte etwas von dem, was ich wirklich vorhatte. Schließlich bin ich seit vielen Jahren Mitglied der Prüfungskommission der IHK Koblenz für das Berufsbild der Sommeliers. Da ist es nichts ungewöhnliches, wenn ich ‚mal eben zur IHK nach Koblenz fahre‘…
Direkt nach den zwei Präsenztagen mit abschließender Prüfung fuhren wir weiter nach Italien um uns im Piemont, der Toskana und dem Trentino ebenfalls mit den dortigen Wein- und Schaumweinspezialitäten erstmals vertrauter zu machen.
Und dort, mitten zwischen italienischer Sonne, gutem Essen und ein paar ruhigen Tagen, kam plötzlich die Mail aus der Champagne:
Prüfung bestanden. Note? Mention Bien. Und der Titel dahinter?
Champagne Specialist Niveau 4.
Ich musste lächeln. Tatsächlich. Und wie feiert man das nun, mitten in Norditalien? Nein, nicht mit einem Glas Franciacorta. Nein. Nicht mit Champagne, den hatten wir gerade nicht. Wir haben den Trentodoc entdeckt.
Und was ist Trentodoc? Kurz: sehr lecker 😊 wirklich…
Trentodoc ist die gemeinsame Herkunfts- und Qualitätsbezeichnung für hochwertige Schaumweine aus dem Trentino in Norditalien, die nach der klassischen Flaschengärung hergestellt werden — also nach derselben Grundmethode wie Champagne.
Das Wort setzt sich zusammen aus:
Trento = die Region bzw. Stadt im Trentino
DOC = Denominazione di Origine Controllata (kontrollierte Herkunft)
Im Grunde bedeutet Trentodoc:
„Traditionell hergestellter Qualitätsschaumwein aus dem Trentino.“
Aus meiner Sicht, der Sicht des WeinOpas, ist Trentodoc spannend. Warum?
Viele Menschen kennen:
Champagne
Crémant
Cava
vielleicht oder sogar wahrscheinlich auch den Franciacorta, der gemeinhin als Italiens Antwort auf Champagne gilt.
Aber Trentodoc läuft oft etwas unter dem Radar — völlig zu Unrecht.
Denn qualitativ können die Spitzenweine absolut beeindruckend sein.
Die wichtigsten Rebsorten sind dabei typischerweise:
- Chardonnay
- Pinot Nero
- Pinot Bianco
- teilweise Meunier
Also erstaunlich ähnlich zur Champagne.
Das Trentino, Nachbar zu Südtirol und alpennah, ist einer der Gründe, warum Schaumwein dort so gut funktionier‘. Es befindet sich in Norditalien in alpiner Höhenlage.
Die Weinberge liegen oft 300–800 Meter hoch, mit starken Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht. Das bringt:
- frische Säure,
- klare Frucht,
- Eleganz,
- Langlebigkeit.
Und genau das braucht guter Schaumwein. Denkt mal an das Klima der Champagne und die Säurewerte der dortigen Grundweine.
Stilistisch wirkt Trentodoc oft etwas fruchtiger, etwas offener, manchmal cremiger, oft sehr präzise, aber weniger hefig-kalkig-streng als klassische Champagne.
Natürlich hängt das stark vom Haus ab.
Apropos Haus, das z. B. sind dort bedeutende Häuser
- Ferrari Trento
- Rotari
- Altemasi
Vor allem Ferrari hat Trentodoc international enorm bekannt gemacht.
Falls nun bei jemanden der Gedanke aufkommen sollte, wie sich der Prosecco zum Trentodoc verhält, dann ist hier der große Unterschied zu Prosecco schnell erklärt:
Ganz wichtig: Trentodoc hat mit klassischem Prosecco stilistisch fast nichts gemeinsam.
Prosecco:
meist Tankgärung, fruchtbetont, unkompliziert, jung zu trinken.
Trentodoc:
traditionelle Flaschengärung, lange Hefelagerung, deutlich komplexer, oft gastronomisch sehr stark.
Kurz gesagt oder Fazit:
Wenn Champagne der aristokratische Klassiker ist und Franciacorta der elegante Italiener mit großem Namen, dann ist Trentodoc oft:
der stille, alpine Qualitätsarbeiter mit erstaunlich viel Klasse im Glas.
Und genau deshalb mögen Sommeliers und mag auch der WeinOpa Trentodoc häufig sehr gern.
Meine Freude über das gute Bestehen der Champagne- Prüfung war eher ruhig, auch mit Demut, vielleicht gerade deshalb, weil alles so unspektakulär begonnen hatte. Mit einem kleinen Onlinekurs. Für 45 Euro. Und einem verregneten Urlaubstag in der Bretagne.
Der WeinOpa sagt:
„Die schönsten Wege beginnen manchmal genau dort, wo man eigentlich nur eine Pause machen wollte.“
